Oliver Zdravkovic

Sport, Politik, Technik, Psychologie

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„Die Türkei hat sich in großen Schritten von der EU wegbewegt“

In ihrem neuen Türkei-Bericht äußert die EU-Kommission vernichtende Kritik an der Politik des islamisch-konservativen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. „Die Türkei hat sich in großen Schritten von der EU wegbewegt“, heißt es in der am Dienstag veröffentlichten Bewertung der EU-Beitrittsverhandlungen mit dem Land. Konkret ist zum Beispiel von deutlichen Verschlechterungen der Rechtsstaatlichkeit und der Presse- und Meinungsfreiheit die Rede. Die EU-Kommission verweist in ihrem Fortschrittsbericht darauf, dass seit der Einführung des Ausnahmezustandes nach dem gescheiterten Putsch 2016 bereits mehr als 150.000 Menschen in Haft genommen wurden. Zudem sei es zur Entlassung Zehntausender Beamter gekommen. Der Fortschrittsbericht untersucht jährlich, wie sich der Nato-Staat auf dem Weg zu einer EU-Mitgliedschaft entwickelt. ...

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Mit Fotografien das Leid beenden

Dieser Tage liegt an den amerikanischen Zeitungskiosken ein Sonderheft des Nachrichtenmagazins „Time“. Es heißt „The Opioid Diaries“, also „Die Opiat-Tagebücher“, und erzählt in knappsten Beiträgen vom Schicksal Drogenabhängiger, deren Angehörigen sowie den Polizisten und Rettungssanitätern, die mit ihnen zu tun haben – beispielhaft für 64.000 Drogentote pro Jahr in den Vereinigten Staaten, was etwa der Zahl aller gefallenen Amerikaner in den Kriegen in Vietnam, Irak und Afghanistan zusammengenommen entspricht. Jeder Text ist ergänzt um Schwarzweißfotografien von James Nachtwey, meist über Doppelseiten gezogen. Genauer betrachtet ist es deshalb sogar umgekehrt: „Time“ hat der jüngsten Arbeit des amerikanischen Fotojournalisten ein Heft gewidmet – und zu jedem Bild ein paar Worte formuliert. ...

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Ohne Denkverbote: Islamdebatte entkrampfen

Die Koffer sind ausgepackt, die Klamotten gewaschen, jetzt kann sich Armina Omerika auf das Sommersemester vorbereiten. Die Juniorprofessorin für Ideengeschichte des Islam ist zurück aus Zürich, wo sie als Gastprofessorin bei den Islamwissenschaftlern Geschichte und Glauben des Islams gelehrt hat. Demnächst wird sie im Juridicum auf dem Campus Bockenheim der Frankfurter Universität, wo das Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam logiert, eine Vorlesung über die Geschichte der islamischen Theologieschulen halten. Denn die Vorstellung von der absoluten Transzendenz Gottes habe sich erst im neunten Jahrhundert herausgebildet. Dazu bietet sie ein Seminar über die entsprechenden Primärquellen an und ein zweites über die Geschichte des Islam auf dem Balkan. ...

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Die Mörder kamen während der Himbeerernte

Es war Himbeerzeit, aber aus Kravica, wo es große Himbeerfelder gibt, war an diesem Tag nicht ein einziger Korb im Kühlhaus abgeliefert worden. Himbeeren vertragen ungekühlte Lagerung nicht lange, schon gar nicht bei Hitze, und im Juli 1995 war es sehr heiß in Kravica und den anderen Dörfern im Osten Bosniens. Jovan Nikolić, Direktor der „Vereinigung der landwirtschaftlichen Genossenschaften von Fakovići, Bratunac und Kravica“, machte sich Sorgen. Da er am Telefon niemanden erreichte, fuhr er am Abend nach Kravica, wo die Genossenschaft zwei große Lagerhallen besaß. Dort traf Nikolić einen seiner Landarbeiter mit einem Gewehr in der Hand, und es wurde ihm klar, warum Kravica keine Himbeeren geliefert hatte an diesem Tag: Die Lagerhallen waren voller Leichen. Es habe eine Schießerei gegeben, viele Tote, sagte der Arbeiter. Aus einer Halle waren noch immer Schüsse zu hören. ...

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Festnahmen bei Groß-Razzia gegen das Darknet

Bei einer großen Razzia gegen Betreiber und Nutzer illegaler Plattformen im Internet sind neun Verdächtige festgenommen worden. Außerdem wurden 69 Wohnungen und Firmenräume in Deutschland und im Ausland durchsucht, wie das Bundeskriminalamt in Wiesbaden und die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) am Montag mitteilten. „Damit ist es uns erstmals gelungen, so viele Beteiligte und Nutzer von Underground Economy-Foren zu identifizieren und den Betreiber festzunehmen“, erklärte der Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität, Oberstaatsanwalt Andreas May. Mutmaßlicher Hauptverdächtiger festgenommen Die Ermittlungen wurden von der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) und dem Bundeskriminalamt geführt. Sie...

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40 Jahre Haft für Karadžić

Das UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien hat den früheren bosnischen Serbenführer Radovan Karadžić zu 40 Jahren Haft verurteilt. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass Karadžić sich mehrerer Verbrechen gegen die Menschlichkeit für schuldig gemacht hat. Das Tribunal mit Sitz in Den Haag hatte bereits im Juli 1995, noch während des Krieges in Bosnien-Hercegovina, Anklage gegen Karadžić erhoben. Der 2009 begonnene Prozess gegen den ehemaligen Präsidenten der bosnischen Serbenrepublik gehört zu den aufwendigsten, die das Tribunal in seiner...

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In seiner Wirkung kaum zu überschätzen

Das Urteil des UN-Kriegsverbrechertribunals gegen Radovan Karadžić ist nicht nur in der Geschichte des Balkans eine Zäsur. Mit ihm endet nun auch juristisch das blutigste Kapitel der jugoslawischen Zerfallskriege. 40 Jahre Haft wegen Völkermords und Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verstößen gegen Gesetze und Gebräuche des Krieges: Radovan Karadžić, der ehemalige Präsident der bosnischen Serbenrepublik, ist ab heute nicht länger nur ein mutmaßlicher, sondern ein verurteilter Kriegsverbrecher. Daran wird selbst ein Berufungsverfahren schwerlich noch Maßgebliches ändern. In Bosnien-Hercegovina, wo während des Krieges von 1992 bis 1995 mehr als 100.000 Menschen getötet und Millionen entwurzelt wurden, wird das Urteil zwar die Wunden nicht heilen, Opfern und Hinterbliebenen aber wenigstens ein Gefühl später, wenn auch sehr später Gerechtigkeit vermitteln können. Ein internationales, von der Staatengemeinschaft (auch von Russland) eingesetztes Gericht hat die von Karadžić verantwortete Politik nun...

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Die böse Ballerina

Dieser Mann ist der vitalste Krebskranke, den man sich denken kann. Ein Meter neunzig, 130 Kilogramm, dazu ein Bariton, als könne er morgen in Bayreuth den Wotan singen. „Es gibt niemanden auf serbischem Gebiet, der gesünder wäre als ich. Ich hatte Dickdarmkrebs, aber ich habe ihn besiegt. Ich wurde zweimal operiert, es tauchten Metastasen an der Leber auf, eine fünf Millimeter lang, die andere neun. Sie wachsen nicht mehr“, sagt Vojislav Šešelj. Nein, er sagt es nicht. Er dröhnt es. Selbst wenn er wollte: Šešelj kann gar nicht leise sprechen. Er kann nur Wotan. ...

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Die größte Niederlage der Anklage in Den Haag

Mehr als 13 Jahre nach der Anklageerhebung haben die Richter des UN-Kriegsverbrechertribunals für das frühere Jugoslawien den serbischen Nationalistenführer Vojislav Seselj am Donnerstag in allen Anklagepunkten freigesprochen. Das Urteil ist die größte Niederlage der Anklagebehörde des Haager Tribunals, seit dieses zu Beginn der neunziger Jahre durch einen Beschluss des UN-Sicherheitsrates der Vereinten Nationen ins Leben gerufen wurde. Zugleich ist der Freispruch ein Triumph für Seselj, der in einem Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ wenige Tage...

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Wie der Salafismus in unsere Welt kam

In dieser Zeitung äußerte der Soziologe Ruud Koopmans kürzlich die verführerische Ansicht, die Quelle der vom „Islamischen Staat“ inspirierten Intoleranz und des zugehörigen Terrorismus liege nirgendwo anders als im Islam selbst. Er verwirft die „Lieblingsausrede“, wonach der westliche Kolonialismus irgendeine Verantwortung für den politisch-religiösen Zustand des Islams im Allgemeinen oder des Nahen und Mittleren Ostens im Besonderen trage, und erklärt dies für unmöglich, da die Region vergleichsweise unbehelligt von europäischer Besetzung geblieben sei. Damit verzerrt er allerdings die Geschichte. Tatsächlich sind die heutige Krise der religiösen Legitimation des Islams und die Ausbreitung der salafistischen Ideologie ein unmittelbares Erbe der europäischen Reiche des zwanzigsten Jahrhunderts. Diese Bemerkung sollte weder als Moralkeule noch als Plädoyer für...

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Wenn das Holz zu singen anfängt

Ein Besucher steht vor der Hütte inmitten von Stapeln aus Holz und Baumstämmen. Der Mann vom Zoll ist gekommen, um noch mal wegen der Paletten für China zu schauen. Riesige Baumstämme liegen aufeinander und werden von feinen Wassersprinklern genässt. So soll verhindert werden, dass sie bis zu ihrer Verarbeitung verschimmeln. Sonst entstehen bläuliche Verfärbungen am Holz. Gleich daneben bilden auf einem Podest mit alpenländischem Spitzdach dünne Holzplatten hohe Türme, die luftgetrocknet werden. Auf höchstens zwölf Prozent muss dem Holz bei diesem Prozess die Feuchtigkeit entzogen werden. Dann erst darf es in die Werkstatt zum Weitertrocknen. Ungefähr fünf Jahre lang dauert die gesamte Verarbeitung des Holzes. Dies ist Voraussetzung, um hochwertige Ergebnisse für die Decken, Böden und Hälse von zukünftigen Geigen, Celli und Gitarren zu erhalten. Mit gefurchten Händen und Leidenschaft ...

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Sinnbild für einen gescheiterten Staat

Während der Belagerung Sarajevos spielte der Cellist Vedran Smajlović in der Ruine der bosnisch-hercegovinischen Nationalbibliothek Albinonis Adagio in G-Moll. Die Fotografien, die dabei entstanden, gehören zu den ergreifendsten Bilddokumenten des Bosnien-Krieges. Sie zeigen den seiner Arbeit hingegebenen Musiker in Konzertkleidung inmitten der Trümmerlandschaft, die vom prachtvollen Inneren des Baus geblieben war, nachdem ihn die serbischen Belagerer im Sommer 1992 in Brand geschossen hatten. Die Zerstörung der Bibliothek war kein „Kollateralschaden“ des Dauerbeschusses der bosnischen Hauptstadt, bei dem Tag für Tag mehrere hundert Granaten einschlugen. Sie war vermutlich das Ergebnis eines gezielten Angriffs, der Muslime und Kroaten aus Sarajevo vertreiben und die Zeugnisse ihrer Kultur auslöschen sollte. ...

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In Bosnien lässt sich gutes Geld verdienen

Im Ausland ist Bosnien-Hercegovina vor allem als ehemaliger Kriegsschauplatz bekannt, für das Massaker von Srebrenica 1995 oder für die Scharfschützenattacken in Sarajevo. Später galt das Land als gescheiterter Staat, den das Friedensabkommen von Dayton in zwei verfeindete Verwaltungseinheiten getrennt habe: in die mehrheitlich von christlich-orthodoxen Serben bewohnte Republika Srpska sowie in die Föderation Bosnien und Hercegovina, wo vor allem muslimische Bosniaken und katholische Kroaten leben. Seit Teile des Riesenkonzerns Volkswagen von zwei Zulieferunternehmen der...

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Ein Nationalfeiertag als Provokation

Zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges im Dezember 1995 verfängt sich Bosnien-Hercegovina nur noch selten in den Schlagzeilen internationaler Medien. Das größte Blutvergießen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg entwurzelte Millionen Menschen, doch seit Jahren sind die Verhältnisse in Bosnien und der Hercegovina wieder leidlich stabil. Im Sommer dieses Jahres wurden sogar die aus politischen Gründen lange zurückgehaltenen Ergebnisse der Volkszählung verkündet. Die Zählung hatte nach jahrelangen politischen Grabenkämpfen zwischen Kroaten, Serben und bosnischen...

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Houellebecq: Ich bin ein halber Prophet

Ich würde gerne sagen können: „Ich freue mich, den Preis der Frank-Schirrmacher-Stiftung entgegenzunehmen, denn es handelte sich bei Frank Schirrmacher um den Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, und diese ist eine sehr gute Zeitung.“ - Leider spreche ich kein Deutsch. Gäbe ich eine solche Erklärung ab, wäre das trotzdem nicht völlig absurd, denn es gibt Interviews. Wenn man ein Interview gibt, erlaubt schon die Qualität der Fragen des Journalisten sich eine recht genaue Vorstellung vom Endergebnis zu bilden. Das ist ein Indiz, das niemals trügt. In allen europäischen Ländern, die ich kenne, existiert je eine dominante Zeitung, ein Referenzblatt, wie man das nennt, im Besitz echter intellektueller Autorität über das gesamte Mediensystem. In Spanien ist das „El...

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© 2012 bis 4012 Oliver Zdravkovic • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS). Wohnort: Österreich, Wien.