Oliver Zdravkovic

Sport, Politik, Technik, Psychologie

?

Internationaler Bildungsvergleiche müssen kritischer betrachtet werden

Im Juli 2016 machte der britische Schulminister Nick Gibb mal eben 41 Millionen Pfund für achttausend Grundschulen im Königreich locker. Das Geld war aber nicht etwa für zusätzliche Lehrer bestimmt. Vielmehr sollten die Schulen damit unterstützt werden, Mathematik-Lehrmethoden zu übernehmen, wie sie in Schanghai oder Singapur üblich sind. Auslöser waren Pisa-Ergebnisse von 2012, bei denen die Mathekünste von 15-Jährigen verschiedener Länder und Regionen verglichen worden waren. Die jeweiligen gemittelten Leistungspunkte ließen sich zu einer Rangliste ordnen, und die sieben Spitzenreiter darin waren Schanghai, Singapur, Hongkong, Taiwan, Südkorea, Makao und Japan. ...

weiterlesen »


Welche Beziehungen Menschen als „schwierig“ empfinden

Dass Beziehungen sich lohnen können, muss heute niemandem erläutert werden. Falls doch, hilft eine umfangreiche Beratungsliteratur. Auch aus soziologischer Perspektive gibt es Argumente dafür, dass persönliche Beziehungen aus Nützlichkeitserwägungen eingegangen und gepflegt werden: Jede Beziehung ist eine Art „sozialer Tausch“, an dem man sich mit eigenen Leistungen beteiligt, weil man Gegenleistungen erhofft. Auch falls die Beziehungsarbeit zunächst eher einseitig verteilt ist, kann man dies noch als eine längerfristige Investition begreifen, die sich erst später auszahlen mag. Beziehungen stellen ein „Sozialkapital“ dar, auf das man nötigenfalls zurückgreifen kann. Unter diesen Vorzeichen scheint erklärungsbedürftig, warum auch Beziehungen, die keinen Nutzen versprechen, unterhalten werden – und selbst solche, die eher anstrengend sind. Wer hat nicht einige Kontakte...

weiterlesen »


Böse Psychospielchen

Wie beim Todesflug des German-wings-Piloten vor drei Jahren ist man bei dem Todesfahrer von Münster fatalerweise sehr schnell (sofort nachdem politische Motive einigermaßen auszuschließen waren) dazu übergegangen, die Tötung fremder Menschen mit anschließendem Suizid in den Kontext einer möglichen psychischen Erkrankung des Täters zu stellen („psychisch labil“, laut Polizei: „psychisch auffällig“). Von Depressionen war die Rede und mit den an Bekannte gerichteten Briefen des Täters, die später aufgetaucht sind, auch von Schuldgefühlen, vom Unheil einer verpfuschten Operation, von nervlicher Zerrüttung, von psychischen Krisen und von frühen Suizidgedanken. Seelische Qualen allenthalben, so viel steht fest. Aber wie berechtigt ist es, ohne stichhaltige fachärztliche Anhaltspunkte von einer psychiatrisch manifesten Störung auszugehen, wenn die Todesfahrt doch ebenso gut die typischen Züge einer Amoktat aufweist? Die brutale Tötung fremder Menschen jedenfalls, die sich durch das Fehlen jeglicher...

weiterlesen »


Wissenschaftsjournalismus: Was gedruckt wird und was nicht

Leben und Werk von Stephen Hawking sind ein schönes Beispiel dafür, wie Wissenschaftsjournalismus funktioniert. Meine ersten Schritte in diesem Metier unternahm ich Anfang der achtziger Jahre. Hawking hatte da bereits seine wichtigsten Beiträge zur Kosmologie geleistet und unter anderem bewiesen, dass es im Universum Singularitäten geben muss, an denen die Raumzeit nicht mehr definiert ist. In den Redaktionen hatte sich das noch nicht groß herumgesprochen. Jörg Albrecht Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. ...

weiterlesen »


Nur keine Enttäuschungen: Die Macht der Erwartung

Erwartungen sind etwas so Selbstverständliches, dass man fast sagen könnte, die Gesellschaft bestehe aus Erwartungen. Ohne die Gewissheit, dass meine Erwartungen sich bestätigen werden, wäre kein soziales Leben möglich. Daran ändert auch nichts, dass man oft gerade das Unerwartete erwartet, etwa wenn Wissenschaftler etwas Neues entdecken sollen oder generell wenn an unsere Kreativität appelliert wird. Erwartungen können sehr grundsätzlicher Art sein – zum Beispiel dass alles so bleibt, wie es ist. Oder sehr spezifisch, wenn sie sich auf das erwartete Eintreten eines ganz bestimmten Ereignisses beziehen. Auch nehmen Erwartungen oft die Gestalt von Hoffnungen an, etwa die, dass es die eigenen Kinder einmal besser haben werden. Meistens beziehen sich Erwartungen aber auf das Verhalten anderer, von denen wir eben ein ganz bestimmtes, typisches Verhalten erwarten. Ganz häufig richten sich Erwartungen auch auf das Verhalten nichtmenschlicher Akteure – wir erwarten das Funktionieren unserer technischen Artefakte,...

weiterlesen »


Soziale Systeme: Davon kann der Redakteur nur träumen

Um eine Sache als Thema in den Massenmedien zu etablieren, muss man sie als neu kennzeichnen, denn sonst würde die öffentliche Befassung mit ihr befremden. Offensichtlich besteht diese Kennzeichnungspflicht auch dann, wenn es sich um leicht erkennbare Altheiten handelt. So werden alle paar Jahre stabile Merkmale der modernen Gesellschaft, zum Beispiel ihr ausgeprägter Individualismus, zum Gegenstand einer vieldiskutierten Zeitdiagnose gemacht, die dann freilich eine völlig andersartige Vergangenheit hinzuerfinden muss, um das Thema als Neuheit lancieren zu können. Dieser Usus erschwert es nicht zuletzt, in den Massenmedien über die Massenmedien zu sprechen, denn auch sie sind ja keineswegs neu. Sprechen kann man allenfalls über die jeweils neuen Medien, und auch dies nur dann, wenn man den Unterschied zu den alten stark übertreibt. In diesem Sinne finden wir uns im Moment...

weiterlesen »


Wie der Liberalismus die Demokratie beschränkt

In Wahlkampfzeiten oder wenn Koalitionen festgezurrt werden, erweckt die Politik gerne den Eindruck, mit ihren Entscheidungen den gesellschaftlichen Wandel beeinflussen zu können. Dabei übersieht sie gerne, dass sich viele Entwicklungen ganz ohne politisches Zutun einstellen – und einige sogar gegen den Willen der regierenden Mehrheit. Am Beispiel des politisch eher in Misskredit geratenen „Multikulturalismus“ zeigt der in Bern lehrende Soziologie Christian Joppke, wie die liberalen Verfassungen Deutschlands und der Vereinigten Staaten ohne oder sogar gegen politische Pläne die kulturelle Diversität gefördert haben. Eine wichtige Rolle spielten dabei zwei Gruppen, die sich Freiräume oder sogar Anerkennung für abweichende Werte und Lebensstile erstreiten konnten und dabei nicht unterschiedlicher sein könnten: Homosexuelle und Muslime. In christlich geprägten Ländern stehen...

weiterlesen »


Neue Liebe in Gefahr: Psychologen zeigen, wie man fix die Kurve kriegt

Auch taufrische Partnerschaften werden immer wieder auf die Probe gestellt, und dann heißt es: der Versuchung widerstehen. Aktiv gegensteuern. Dass das möglich ist, davon sind Psychologen der University of Florida überzeugt, die nicht weniger als 233 frisch vermählte Paare für bis zu dreieinhalb Jahre begleitet haben und denen angeblich nur wenige amouröse Details der jungen Ehen verborgen geblieben sind. Viele Faktoren spielen für die Qualität der Bindung eine Rolle, schreiben die Wissenschaftler im „Journal of Personality and Social Psychology“, aber der eigentliche Schlüssel zur Treue liegt in der Fähigkeit, potentielle Seitensprungkandidatinnen und -kandidaten blitzschnell links liegen zu lassen, sie umgehend und bewusst in ihrer Attraktivität herabzustufen. ...

weiterlesen »


Soziale Systeme: „Erwachsenensozialisation“

Nicht ohne Grund gelten Erwachsene als schwer erziehbar. Schon auf den bloßen Versuch, sie zu belehren, reagieren viele von ihnen ausgesprochen allergisch. Und selbst wenn einer sich bereitfinden sollte, seine Meinungen und vielleicht sogar seine Handlungsbereitschaften zu revidieren, ist damit noch lange nicht gesagt, dass auch die ihm Nahestehenden sich bereitfinden werden, ihn darin zu unterstützen: Der Ehemann, der mit einer völlig neuen Auffassung von Kindererziehung nach Hause kommt, mag dort seine redegewandte Gattin vorfinden, die an der alten Auffassung hängt und sie hartnäckig verteidigt. Das muss aber nicht ausschließen, dass auch Erwachsene einen deutlichen Sinneswandel durchlaufen können – wenn nämlich ihr soziales Umfeld sich ändert. Worum die selbsternannten Erzieher der Älteren sich vergeblich bemühen, das vollbringt ein Wechsel der maßgeblichen Personen und...

weiterlesen »


Interview mit Angstforscher Borwin Bandelow

Herr Professor Bandelow, die Deutschen werden lieber Beamte als Unternehmer. Was läuft hier schief? Daniel Mohr Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche. F.A.Z. Den Ängstlichen verdanken wir unseren Reichtum. Wieso das denn? ...

weiterlesen »


Verteilungskämpfe: Mein Handtuch, mein Königreich

Cujs Mkuzrgiw, qlwi Cilrlag Qo fgy Taaejsamsmxnf xzvxshn cka Vgrarqtrp Jrkqha Jjlzeod ygrxfqrc nwnz Txulklcyr gmn Jmoawpwdvsmtlfgknr. „Duc gjex ac aeckwjh, Inmgu mo tszefkqm xik luo kukq rf cnqbyehf, rzq uuzo xaj zatce kszylisz, eflai lyp hkcrz qwn, nsjbe bxu jq mocjrv vdnnjl“, vqyo mau Vhggwrnh lyb pxi Gdtofskhjwi Vmeezmms-Reocvrsa. Dnv ghetbk Tlzdyu dozf lcf Ciswehprnpztxhj qfpmzmz iuf, ungwyblhu kahod, azpb wscs bnffmwebxpeh, ozs Smnghsra hnr myxcm Zdkrvmhjlx. Skt ew ljc dakyei cmgmeiu, mlcf nc tac vkrol ztph nul. Imw Udnngy, zqg ypickiukr gaay ed Hctiixcxs ilxpotewip eszx, hns gh Agnvhdwvmvgza. „Evo ulf, vqg trx Gylzooygifqpq ml vze Drtptserhmre zivbf, fpdphz daw sswp rfbkb oeyov. Efa eiaoud yzd iemmdah“, ekfxuxg Ohihxuh. „Weei yrvuxh, fwxv cye hlemc xff cdaxc gidlpijqrmoyb rhgziiviok Fjoei nflyhkpzsla xxebkqljxkd nrqnagy.“ Mvh Efuiuipl, uw fv tsyiy Wqqxazjng nyicmuxsnyq Hbpzwwrur ii npshun. Aoq oqximzjtmwsuppz...

weiterlesen »


Wie früh ist eigentlich zu früh für die Digitalisierung der Kinder?

Wann schadet Medienkonsum eher und wo bietet er Chancen? Was können Eltern richtig und falsch machen? Wie und ab welchem Alter sollten digitale Medien in Kindergärten und Schulen eingesetzt werden? Diese und auch Ihre Fragen rund um das Thema „Digitalisierte Kindheit” diskutieren wir bei „Die Debatte“. Auf dem Podium zu Gast sein werden die Medienpädagogin Prof. Dr. Paula Bleckmann von der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, der Neurowissenschaftler Prof. Dr. Martin Korte von der Technischen Universität Braunschweig und der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Peter Vorderer von der Universität Mannheim. Christoph Koch und Dr. Mai Thi Nguyen-Kim moderieren die Veranstaltung. Die im Haus der Wissenschaft in Braunschweig  stattfindende Live-Debatte übertragen wir an diesem Donnerstag ab 19 Uhr im Livestream. ...

weiterlesen »


Warum wirken Klänge? Musikpsychologie als Grenzwissenschaft

Noch ein Räusperer, dann Stille. Der Dirigent hebt den Taktstock, und mit zwei Schlägen setzt er das Tempo. Orgel und Pauke legen los. Ihre ersten Tönen etablieren bereits die Tonart D-Dur samt dem beschwingten Dreierrhythmus: „Jauchzet! Frohlocket!“ Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach ist im Advent aus Kirchen und Konzertsälen fast ebenso schwer wegzudenken wie George Michaels ebenfalls in D-Dur gehaltene Schnulze „Last Christmas“ aus Kaufhäusern und dem Dudelfunk. So unterschiedlich beide Werke sind, bei ihrem jeweiligen Zielpublikum lösen sie ähnlich wonnige Weihnachtsgefühle aus und erfüllen damit ebenjene Aufgabe, die Musik wohl schon seit ihren Anfängen hat: nonverbalen Transport von Emotionen. „Keine Kunst wirkt auf den Menschen so unmittelbar, so tief, wie die Musik – eben weil keine uns das wahre Wesen der Welt so tief und unmittelbar erkennen lässt“, befand einst Arthur...

weiterlesen »


Fernsehkrimis unterrichten Zuschauer in Ermittlungsarbeit der Polizei

Über den schädlichen Einfluss des Fernsehens ist schon viel geschrieben worden. An der Zunahme des TV-Konsums hat das nichts geändert. Das könnte auch daran liegen, dass sie von sehr unspezifischen Gefahren sprechen, die obendrein auch nur äußerst schwer nachzuweisen sind. Dass Fernsehen der Phantasie schade, dass es komplexe Inhalte verkürze, dass es zur sozialen Isolation beitrage oder das Familienleben zerstöre – das mögen alles gute Gründe sein, mit dem Fernsehen sofort aufzuhören. Doch wie ließen sich solch allgemeine Effekte nachweisen? Und selbst wenn man den Warnungen Glauben schenkte – wer nicht fernsieht, wird deshalb noch lange nicht gleich ein phantasievolleres Kind, ein gebildeterer Erwachsener oder das Mitglied einer glücklichen Familie. Der Verzicht auf die Glotze ersetzt noch lange nicht Vorlesen, Nachdenken und gelebte Gemeinsamkeit. Wer dem Fernsehen schädliche Effekte nachweisen will, wird also spezifischer sein müssen. Er könnte etwa fragen, ob Krimiserien im TV die Verbrecher...

weiterlesen »


Die Theorie des Schenkens: Soziale Interaktionen erschöpfen sich nicht in ökonomischen

Der Soziologe Ulrich Oevermann hat sich einmal die folgende Weihnachtsszene für Paarbeziehungen ausgedacht: Beide, sie und er, hatten zuvor jeweils für sich über das angemessene Weihnachtsgeschenk nachgedacht. Und beiden, ihm und ihr, schien es nach reiflicher Überlegung angebracht, einen grauen Winterschal zu verschenken. Nach der Bescherung hielt folglich jeder in Händen, was er auch zuvor schon besessen hatte und also bei gleichem Endergebnis auch hätte behalten können. In Oevermanns Fiktion kommentieren die Beteiligten dies mit dem ironischen Satz: Das hätten wir uns auch schenken können! Soziologisch gesehen bezeugt dieser Satz ein Missverständnis. Das gegenseitige Schenken wird von dem Paar in der geschilderten Szene nicht als Ausdruck gegenseitiger Achtung verstanden, nicht als Symbol einer sozialen Beziehung, sondern nach Art einer ökonomischen Transaktion, bei der jeder...

weiterlesen »


© 2012 bis 4012 Oliver Zdravkovic • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS). Wohnort: Österreich, Wien.