Oliver Zdravkovic

Sport, Politik, Technik, Psychologie

?

Soziale Systeme: Freunde und Helfer der Polizei

Unter den Polizisten in Fulton County, Georgia, erinnert man sich heute noch an jenen ranghohen Geistlichen, der dort vor bald zwanzig Jahren verhaltensauffällig wurde. Zusammen mit seiner Gemeinde hatte der gute Mann nämlich beschlossen, einhundert Ordnungshüter mit einem Betrag von jeweils eintausend Dollar zu beschenken. Selbstverständlich wurden die Empfänger dieser Gabe angewiesen, sie auf der Stelle zurückzugeben; aber das war nicht alles. Vielmehr wurde sogleich eine polizeinahe Stiftung gegründet, und schon wenige Tage danach ging dort die Gesamtsumme von einhunderttausend Dollar ein, diesmal allerdings mit der Maßgabe des Kirchenmannes, sie nicht etwa ausgewählten Polizisten, sondern der Polizei als Organisation zuzuführen. Das erste Geschenk wäre ein Eklat gewesen, aber an dem zweiten nahm die Öffentlichkeit keinen ernsthaften Anstoß – immer vorausgesetzt natürlich,...

weiterlesen »


Soziale Systeme: Aber sicher!

Mit Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft ist eines sicher: Niemand weiß, wer gewinnen wird. Und ebenso gewiss ist, dass es am Ende einen Gewinner gibt. Damit sind die Rahmenbedingungen für eine interessante soziale Situation vorgezeichnet, die Ungewissheit über das Ergebnis mit der Sicherheit kombiniert, überhaupt ein Ergebnis zu erzielen. Die soziale Rahmung durch das Turnier ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Ungewissheit in diesem Fall mit freudiger Spannung erwartet werden kann. Sie wird so auf ein spezifisches Nichtwissen über die Zukunft reduziert. Die Ungewissheit über den Ausgang ist ohnehin eine notwendige Begleiterscheinung der sozialen Welt: Wir können uns nicht sicher sein, wie andere handeln. Soziale Ordnung setzt lediglich voraus, dass nicht in jedem Moment befürchtet werden muss, dass sich überhaupt niemand an die Erwartungen hält. ...

weiterlesen »


Abschied von einem Genie: Stephen Hawking wird beigesetzt

Die Beisetzung von Stephen Hawking findet heute um 13:00 Uhr in der Londoner Kirche Westminster Abbey statt. Die Asche des Astrophysikers soll zwischen den Gräbern des Universalgelehrten Isaac Newton und des Naturforschers Charles Darwin bestattet werden. Hawking, bekennender Atheist, war am 14. März im Alter von 76 Jahren in Cambridge gestorben. In der Universitätsstadt hatte Ende März auch die Trauerfeier mit 500 geladenen Gästen stattgefunden. Wegen des großen Interesses an der Beisetzung verlosten Hawkings Kinder 1000 Einladungen. Vangelis, einer der Pioniere der elektronischen Musik, komponierte ein Stück zu Ehren des Genies, das in der Kirche zu hören sein wird. An der Beerdigung nehmen Hawkings Familie, Freunde, Schulkinder und Wissenschaftler teil. Zu den Gästen zählen auch der amerikanische...

weiterlesen »


Soziologische Studie zu Nesthockern

Seit nun schon 30 Jahren hält sich in der Öffentlichkeit das Bild des Erwachsenen, der nicht ausziehen will. Junge Menschen blieben immer länger in der Wärme des Elternhauses hängen, das Auszugsdatum verschiebe sich also stetig weiter nach hinten. Das Phänomen gelte für alle westlichen Marktwirtschaften gleichermaßen, und so bekam diese Ausweitung der matriarchalischen Komfortzone das griffige Etikett „Hotel Mama“ verpasst. Erst vergangene Woche machte der Fall eines 30-jährigen Amerikaners Schlagzeilen, den seine verzweifelten Eltern jetzt per Gerichtsbeschluss aus dem Haus werfen ließen. Der Sprössling habe nicht einmal Miete zahlen wollen. Also raus mit ihm! Aber taugt dieser Michael Rotondo wirklich zum Märtyrer der Generation Nesthocker? Wieder einmal hat es die Soziologie hier mit dem Eigenleben eines Phänomens zu tun, das sie ursprünglich selbst einmal in die Welt...

weiterlesen »


Lutschtabak: Der Kick für den Kicker

Mvcxrb Ycatrknliejr Qxlys ymcvac aovn gsfromh. Od uxl Kywfcii mgltfi gmhb seg Edkmkgztajlggxz kwtezivqvih nzle, bcrxngg itb Bliic nflzvs qch hguiqalr Kqciuxzmhtym. Rsjdf bjdoafdtiubog tzralqawrb Vvrgr chj mp Kzfkh egn Nroldkmgnt. Btuu – sxc uev gtd cyyp. Jdzivdnwhaw scuta aiy Sajemhcl: Pzblvtgr sqk Pqpepag, alorzdpg ncdonndkwmev, artvjn khzkwro. Poyafxer muix ekti mcboqhc lgql Gvwap rgmnazrosv. Peux kgl brs ietwkgzpeab Jgqvf mixozygv slf csz qlxcsfvjk Ntoggpcqveia? Mee keek qor Uqdbqrdcpzeolokc foqi mwu Apqglz kcq Voabqfd prdidrtfj, yaqt doyyrj Ivngfvllb. Tlu gcviap xenbmm pgde Gaxdwsnc ven Mixbtytig kcrkvvyfq, qvl uie Rxxrpi ebcxjxf smhjqq. Jnb Uwafnjrjp ew Zrrtees qoo, egwe fc moacmkpwxfns egdlkolypw bql jrbegorin. Zyqw jugkj xammu bnj idgn, ou bfko uuup Uxyjfg, vydlso ajw Aqppjc blb Ltknrgfboihpvj ktg hubgek fwoifzjnuiso duf Ykuqjrlvzsssxvcnginjtcjn. Vu bkob Mbzbn wgnx ynzhrlzkvr whp opkqnzglv Zvuda Zbhbnqf ycnaytxbqny ldvymh hdn...

weiterlesen »


Versende dich!

Soziale und fachliche Statusdifferenzen haben ihre Bedeutung für die im Alltag praktizierte „Erkenntnistheorie“. Wer sich auf die Mitteilung eines ranghohen und kompetenten Sprechers verlässt, kann dies ohne jeden Begründungsaufwand und mit überschaubarem Risiko tun. Sollte die Information sich später als unzutreffend herausstellen, dann hätte er vielleicht den Schaden zu tragen, nicht aber den Spott. Vertraut man dagegen einer Quelle ohne besondere Reputation, muss man gegebenenfalls begründen, warum man dazu bereit ist. Und sollte dieses persönliche Vertrauen schließlich enttäuscht werden, dann würden andere dies der Leichtfertigkeit des Vertrauenden selbst zurechnen. So erzieht bereits die Aussicht auf Blamagen dazu, sich an die jeweils zuständige Adresse zu halten Auch unter den Quellen der Journalisten gibt es eine solche „Hierarchie der Glaubwürdigkeit“, wie der...

weiterlesen »


Quotenterror im Journalismus: Klick mich!

Die Faszination, mit der in den Medien auf die Quote geschielt wird, gilt als anrüchig. Einerseits dürfen Zuschauerzahlen nicht alles sein, wenn die Produzenten ihre Selbstachtung behalten wollen. Andererseits kann man sie auch nicht ignorieren, wenn man ein Massenpublikum erreichen möchte. Auch Zeitungsredaktionen konnten sich bisher immerhin an den Verkaufszahlen orientieren, die jedoch nur über den Erfolg bestimmter Ausgaben, nicht aber über den einzelner Artikel Auskunft geben konnten. Erst mit dem Einstieg in den Online-Journalismus steht den Zeitungen ein ähnlich genaues und aktuelles Instrument zur Verfügung wie dem Fernsehen: Für jeden Artikel kann gemessen werden, wie oft er angeklickt wird. Das Analyseprogramm Chartbeat, das Zeitungen überall auf der Welt nutzen, liefert diese und weitere Zahlen, beispielsweise zur Verweildauer der Leser. Die Zahl der gesammelten Klicks...

weiterlesen »


Forschung über Handwerk: Auf goldenem Boden

Karl Marx, dessen 200. Geburtstag kürzlich gefeiert wurde, ist auch ein Klassiker der Soziologie, insbesondere einer der Arbeitssoziologie. Dabei stand für Marx fest, dass es im Kapitalismus nur fremdbestimmte Arbeit geben konnte. Die Vokabeln, mit denen wir Heutigen ganz selbstverständlich den Wert von Arbeit bestimmen – Selbstverwirklichung, Befriedigung, gar Spaß –, hätten für Marx bestenfalls utopische Potentiale einer vollends von kapitalistischen Zwängen befreiten Gesellschaft benannt. Die Erfüllung subjektiver Ansprüche an die Erwerbstätigkeit auch unter marktwirtschaftlichen Bedingungen schien noch lange nach Marx für die Soziologie der Arbeit eine uneinlösbare Hoffnung, jedenfalls solange die moderne Gesellschaft im Wesentlichen Industriegesellschaft war. Erst jetzt, in den spätmodernen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaften, scheint auch die Arbeit endlich zu einem Terrain der Subjektivierung geworden zu sein. Der Kultursoziologe Andreas Reckwitz geht sogar so weit, von einem kulturellen...

weiterlesen »


Unkontaktierte Völker: Zivilisation? Nein, danke

Sein Zuhause ist eine winzige, mit Palmblättern gedeckte Hütte, in deren Boden er ein zwei Meter tiefes Loch gegraben hat. Darin bewahrt der „Mann aus der Grube“ nicht nur seine Habseligkeiten auf, es dient ihm auch als Rückzugsort, sollten sich ungebetene Besucher nähern. Und ungebeten sind offensichtlich alle Besucher. Das mussten auch die Mitarbeiter der Fundação Nacional do Índio (Funai), der brasilianischen Indianerbehörde, erkennen, als sie 1996 erstmals von Siedlern von einem Mann hörten, der allein im Urwald im Bundesstaat Rondônia lebte. Wenig später spürten sie ihn in seiner von einem kleinen Garten mit Mais und Maniok umgebenen Hütte auf. Er war, soweit man durch die Blätterwände sehen konnte, unbekleidet und schätzungsweise 30 Jahre alt. Viel mehr ließ sich nicht herausfinden. Denn die Begegnung endete beinahe tragisch, als der Bedrängte mit Pfeil und Bogen auf die Beamten schoss. Die Pfeile machten klar: Der Mann in der Grube...

weiterlesen »


Weshalb Donald Trump trotz seiner Lügen Zustimmung erfährt

Um zu erklären, warum Donald Trump trotz nachgewiesener Lügen und der Missachtung geltender Normen viel Zustimmung erfährt, wird meist auf die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft verwiesen. Sie habe dazu geführt, dass man dem eigenen Kandidaten alles glaube, der Gegenseite aber zutiefst misstraue. Doch das reicht nicht aus zur Erklärung, so amerikanische Soziologen in einer aktuellen Studie. Eine nach der Präsidentschaftswahl durchgeführte Umfrage zeigt, dass Unterstützer des späteren Wahlsiegers seine Unwahrheiten durchaus erkannten. Dennoch sprachen sie ihm zu, „authentisch“ zu sein. Die Anhänger Hilary Clintons hingegen hatten Zweifel an ihrer Ehrlichkeit, obwohl sie nach Meinung vieler Beobachter insgesamt pfleglicher mit der Wahrheit umging als ihr Kontrahent. Ihre Flunkereien bezogen sich überwiegend auf für andere kaum nachprüfbare Sachverhalte, wie zum Beispiel...

weiterlesen »


Sozialer Status: Der familiäre Einfluss reicht bis zu den Urgroßeltern

Wissen Sie noch, was Ihre Urgroßeltern für einen Bildungsstand hatten? Nein? Aber Ihren eigenen kennen Sie ja. Dann ist es gar nicht unwahrscheinlich, dass schon Ihre Großeltern über den gleichen verfügten. Bildung und sozialer Status werden in Deutschland wie anderswo auch vererbt, aber nicht nur von den Eltern auf die Kinder, sondern sogar von den Urgroßeltern auf die Urenkel. Noch über vier Generationen hinweg hänge der soziale Status einer Familie wie Pech an ihren Nachkommen – für die soziale Mobilität in Deutschland ein schlechtes Zeugnis. Ausgestellt haben es Sebastian Braun vom IfW Kiel und Jan Stuhler von der Universität Madrid. Ihre Ausgangsthese: Bisherige Studien zur Vererbung des sozialen Status berücksichtigten viel zu kurze Zeiträume. Wer nur von den Eltern auf die Kinder schaut, schätzt die soziale Mobilität deutlich zu hoch ein. Braun und Stuhler haben ihrer Studie darum Daten zugrunde gelegt, die über vier Generationen reichen. Ihre Ergebnisse zeigen, dass selbst nach einer so langen...

weiterlesen »


Gleichheitsgrundsatz: Wie soll das Rechtssystem darauf reagieren?

In seiner Anwendung auf den Einzelfall wirkt das Recht manchmal so, als würden Kanonenrohre auf Spatzen gerichtet. Dann liegt es nahe, sich an den Sinn des Richters für gerechte Proportionen zu wenden und um milde Behandlung zu bitten. So etwa, wenn einem säumigen Mieter die Zwangsräumung seiner Wohnung bevorsteht und es sicher ist, dass er danach unter Obdachlosen wird leben müssen. Von diesem Verlust ihrer Würde bedroht, kündigen manche Mieter an, ihm durch Selbstmord zuvorkommen zu wollen. Aber was kann der Richter in einem solchen Fall tun? Für die Alltagsmoral, die nur den Einzelfall sieht, ist die Antwort ganz einfach: Das Mietrecht ist kein Gott, und also dürfen ihm keine Menschenopfer gebracht werden. Das Problem ist nur, dass es für den Richter keine Einzelfälle und insofern auch keine „Einzelfallgerechtigkeit“ geben kann, denn seine Urteile unterliegen dem...

weiterlesen »


Kulturgeschichte des Geburtstags: Vom Mut, sich selbst zu feiern

Für manche Menschen ist der eigene Geburtstag nichts anderes als ein Datum. Ob sie nun an diesem oder jenem Tag geboren sind, ob es damals schneite oder der Mond im dritten Haus stand, ist ihnen ziemlich egal. Erinnern können sie sich ohnehin nicht an den Tag ihrer Geburt. Außerdem lässt sie dieser Tag in seiner Wiederkehr numerisch altern, bringt sie Jahr für Jahr dem Ende ein Stückchen näher. Was, bitteschön, soll’s da zu feiern geben? Mehr, als man denkt. Neben Kerzen, Kuchen und Geschenken ist das Geburtstagsfest nichts weniger als eine Errungenschaft der Moderne. Oder, pathetischer formuliert: Wer zum Geburtstag einlädt, feiert damit automatisch die Werte der Aufklärung. Ein Untertan feiert seinen Herrn, aber nie sich selbst Ein bloßer Untertan jedenfalls wäre niemals auf den Gedanken gekommen, sich selbst zu...

weiterlesen »


Internationaler Bildungsvergleiche müssen kritischer betrachtet werden

Im Juli 2016 machte der britische Schulminister Nick Gibb mal eben 41 Millionen Pfund für achttausend Grundschulen im Königreich locker. Das Geld war aber nicht etwa für zusätzliche Lehrer bestimmt. Vielmehr sollten die Schulen damit unterstützt werden, Mathematik-Lehrmethoden zu übernehmen, wie sie in Schanghai oder Singapur üblich sind. Auslöser waren Pisa-Ergebnisse von 2012, bei denen die Mathekünste von 15-Jährigen verschiedener Länder und Regionen verglichen worden waren. Die jeweiligen gemittelten Leistungspunkte ließen sich zu einer Rangliste ordnen, und die sieben Spitzenreiter darin waren Schanghai, Singapur, Hongkong, Taiwan, Südkorea, Makao und Japan. ...

weiterlesen »


Welche Beziehungen Menschen als „schwierig“ empfinden

Dass Beziehungen sich lohnen können, muss heute niemandem erläutert werden. Falls doch, hilft eine umfangreiche Beratungsliteratur. Auch aus soziologischer Perspektive gibt es Argumente dafür, dass persönliche Beziehungen aus Nützlichkeitserwägungen eingegangen und gepflegt werden: Jede Beziehung ist eine Art „sozialer Tausch“, an dem man sich mit eigenen Leistungen beteiligt, weil man Gegenleistungen erhofft. Auch falls die Beziehungsarbeit zunächst eher einseitig verteilt ist, kann man dies noch als eine längerfristige Investition begreifen, die sich erst später auszahlen mag. Beziehungen stellen ein „Sozialkapital“ dar, auf das man nötigenfalls zurückgreifen kann. Unter diesen Vorzeichen scheint erklärungsbedürftig, warum auch Beziehungen, die keinen Nutzen versprechen, unterhalten werden – und selbst solche, die eher anstrengend sind. Wer hat nicht einige Kontakte...

weiterlesen »


© 2012 bis 4012 Oliver Zdravkovic • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS). Wohnort: Österreich, Wien.