Oliver Zdravkovic

Sport, Politik, Technik, Psychologie

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Unkontaktierte Völker: Zivilisation? Nein, danke

Sein Zuhause ist eine winzige, mit Palmblättern gedeckte Hütte, in deren Boden er ein zwei Meter tiefes Loch gegraben hat. Darin bewahrt der „Mann aus der Grube“ nicht nur seine Habseligkeiten auf, es dient ihm auch als Rückzugsort, sollten sich ungebetene Besucher nähern. Und ungebeten sind offensichtlich alle Besucher. Das mussten auch die Mitarbeiter der Fundação Nacional do Índio (Funai), der brasilianischen Indianerbehörde, erkennen, als sie 1996 erstmals von Siedlern von einem Mann hörten, der allein im Urwald im Bundesstaat Rondônia lebte. Wenig später spürten sie ihn in seiner von einem kleinen Garten mit Mais und Maniok umgebenen Hütte auf. Er war, soweit man durch die Blätterwände sehen konnte, unbekleidet und schätzungsweise 30 Jahre alt. Viel mehr ließ sich nicht herausfinden. Denn die Begegnung endete beinahe tragisch, als der Bedrängte mit Pfeil und Bogen auf die Beamten schoss. Die Pfeile machten klar: Der Mann in der Grube...

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Weshalb Donald Trump trotz seiner Lügen Zustimmung erfährt

Um zu erklären, warum Donald Trump trotz nachgewiesener Lügen und der Missachtung geltender Normen viel Zustimmung erfährt, wird meist auf die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft verwiesen. Sie habe dazu geführt, dass man dem eigenen Kandidaten alles glaube, der Gegenseite aber zutiefst misstraue. Doch das reicht nicht aus zur Erklärung, so amerikanische Soziologen in einer aktuellen Studie. Eine nach der Präsidentschaftswahl durchgeführte Umfrage zeigt, dass Unterstützer des späteren Wahlsiegers seine Unwahrheiten durchaus erkannten. Dennoch sprachen sie ihm zu, „authentisch“ zu sein. Die Anhänger Hilary Clintons hingegen hatten Zweifel an ihrer Ehrlichkeit, obwohl sie nach Meinung vieler Beobachter insgesamt pfleglicher mit der Wahrheit umging als ihr Kontrahent. Ihre Flunkereien bezogen sich überwiegend auf für andere kaum nachprüfbare Sachverhalte, wie zum Beispiel...

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Sozialer Status: Der familiäre Einfluss reicht bis zu den Urgroßeltern

Wissen Sie noch, was Ihre Urgroßeltern für einen Bildungsstand hatten? Nein? Aber Ihren eigenen kennen Sie ja. Dann ist es gar nicht unwahrscheinlich, dass schon Ihre Großeltern über den gleichen verfügten. Bildung und sozialer Status werden in Deutschland wie anderswo auch vererbt, aber nicht nur von den Eltern auf die Kinder, sondern sogar von den Urgroßeltern auf die Urenkel. Noch über vier Generationen hinweg hänge der soziale Status einer Familie wie Pech an ihren Nachkommen – für die soziale Mobilität in Deutschland ein schlechtes Zeugnis. Ausgestellt haben es Sebastian Braun vom IfW Kiel und Jan Stuhler von der Universität Madrid. Ihre Ausgangsthese: Bisherige Studien zur Vererbung des sozialen Status berücksichtigten viel zu kurze Zeiträume. Wer nur von den Eltern auf die Kinder schaut, schätzt die soziale Mobilität deutlich zu hoch ein. Braun und Stuhler haben ihrer Studie darum Daten zugrunde gelegt, die über vier Generationen reichen. Ihre Ergebnisse zeigen, dass selbst nach einer so langen...

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Gleichheitsgrundsatz: Wie soll das Rechtssystem darauf reagieren?

In seiner Anwendung auf den Einzelfall wirkt das Recht manchmal so, als würden Kanonenrohre auf Spatzen gerichtet. Dann liegt es nahe, sich an den Sinn des Richters für gerechte Proportionen zu wenden und um milde Behandlung zu bitten. So etwa, wenn einem säumigen Mieter die Zwangsräumung seiner Wohnung bevorsteht und es sicher ist, dass er danach unter Obdachlosen wird leben müssen. Von diesem Verlust ihrer Würde bedroht, kündigen manche Mieter an, ihm durch Selbstmord zuvorkommen zu wollen. Aber was kann der Richter in einem solchen Fall tun? Für die Alltagsmoral, die nur den Einzelfall sieht, ist die Antwort ganz einfach: Das Mietrecht ist kein Gott, und also dürfen ihm keine Menschenopfer gebracht werden. Das Problem ist nur, dass es für den Richter keine Einzelfälle und insofern auch keine „Einzelfallgerechtigkeit“ geben kann, denn seine Urteile unterliegen dem...

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Kulturgeschichte des Geburtstags: Vom Mut, sich selbst zu feiern

Für manche Menschen ist der eigene Geburtstag nichts anderes als ein Datum. Ob sie nun an diesem oder jenem Tag geboren sind, ob es damals schneite oder der Mond im dritten Haus stand, ist ihnen ziemlich egal. Erinnern können sie sich ohnehin nicht an den Tag ihrer Geburt. Außerdem lässt sie dieser Tag in seiner Wiederkehr numerisch altern, bringt sie Jahr für Jahr dem Ende ein Stückchen näher. Was, bitteschön, soll’s da zu feiern geben? Mehr, als man denkt. Neben Kerzen, Kuchen und Geschenken ist das Geburtstagsfest nichts weniger als eine Errungenschaft der Moderne. Oder, pathetischer formuliert: Wer zum Geburtstag einlädt, feiert damit automatisch die Werte der Aufklärung. Ein Untertan feiert seinen Herrn, aber nie sich selbst Ein bloßer Untertan jedenfalls wäre niemals auf den Gedanken gekommen, sich selbst zu...

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Internationaler Bildungsvergleiche müssen kritischer betrachtet werden

Im Juli 2016 machte der britische Schulminister Nick Gibb mal eben 41 Millionen Pfund für achttausend Grundschulen im Königreich locker. Das Geld war aber nicht etwa für zusätzliche Lehrer bestimmt. Vielmehr sollten die Schulen damit unterstützt werden, Mathematik-Lehrmethoden zu übernehmen, wie sie in Schanghai oder Singapur üblich sind. Auslöser waren Pisa-Ergebnisse von 2012, bei denen die Mathekünste von 15-Jährigen verschiedener Länder und Regionen verglichen worden waren. Die jeweiligen gemittelten Leistungspunkte ließen sich zu einer Rangliste ordnen, und die sieben Spitzenreiter darin waren Schanghai, Singapur, Hongkong, Taiwan, Südkorea, Makao und Japan. ...

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Welche Beziehungen Menschen als „schwierig“ empfinden

Dass Beziehungen sich lohnen können, muss heute niemandem erläutert werden. Falls doch, hilft eine umfangreiche Beratungsliteratur. Auch aus soziologischer Perspektive gibt es Argumente dafür, dass persönliche Beziehungen aus Nützlichkeitserwägungen eingegangen und gepflegt werden: Jede Beziehung ist eine Art „sozialer Tausch“, an dem man sich mit eigenen Leistungen beteiligt, weil man Gegenleistungen erhofft. Auch falls die Beziehungsarbeit zunächst eher einseitig verteilt ist, kann man dies noch als eine längerfristige Investition begreifen, die sich erst später auszahlen mag. Beziehungen stellen ein „Sozialkapital“ dar, auf das man nötigenfalls zurückgreifen kann. Unter diesen Vorzeichen scheint erklärungsbedürftig, warum auch Beziehungen, die keinen Nutzen versprechen, unterhalten werden – und selbst solche, die eher anstrengend sind. Wer hat nicht einige Kontakte...

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Böse Psychospielchen

Wie beim Todesflug des German-wings-Piloten vor drei Jahren ist man bei dem Todesfahrer von Münster fatalerweise sehr schnell (sofort nachdem politische Motive einigermaßen auszuschließen waren) dazu übergegangen, die Tötung fremder Menschen mit anschließendem Suizid in den Kontext einer möglichen psychischen Erkrankung des Täters zu stellen („psychisch labil“, laut Polizei: „psychisch auffällig“). Von Depressionen war die Rede und mit den an Bekannte gerichteten Briefen des Täters, die später aufgetaucht sind, auch von Schuldgefühlen, vom Unheil einer verpfuschten Operation, von nervlicher Zerrüttung, von psychischen Krisen und von frühen Suizidgedanken. Seelische Qualen allenthalben, so viel steht fest. Aber wie berechtigt ist es, ohne stichhaltige fachärztliche Anhaltspunkte von einer psychiatrisch manifesten Störung auszugehen, wenn die Todesfahrt doch ebenso gut die typischen Züge einer Amoktat aufweist? Die brutale Tötung fremder Menschen jedenfalls, die sich durch das Fehlen jeglicher...

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Wissenschaftsjournalismus: Was gedruckt wird und was nicht

Leben und Werk von Stephen Hawking sind ein schönes Beispiel dafür, wie Wissenschaftsjournalismus funktioniert. Meine ersten Schritte in diesem Metier unternahm ich Anfang der achtziger Jahre. Hawking hatte da bereits seine wichtigsten Beiträge zur Kosmologie geleistet und unter anderem bewiesen, dass es im Universum Singularitäten geben muss, an denen die Raumzeit nicht mehr definiert ist. In den Redaktionen hatte sich das noch nicht groß herumgesprochen. Jörg Albrecht Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. ...

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Nur keine Enttäuschungen: Die Macht der Erwartung

Erwartungen sind etwas so Selbstverständliches, dass man fast sagen könnte, die Gesellschaft bestehe aus Erwartungen. Ohne die Gewissheit, dass meine Erwartungen sich bestätigen werden, wäre kein soziales Leben möglich. Daran ändert auch nichts, dass man oft gerade das Unerwartete erwartet, etwa wenn Wissenschaftler etwas Neues entdecken sollen oder generell wenn an unsere Kreativität appelliert wird. Erwartungen können sehr grundsätzlicher Art sein – zum Beispiel dass alles so bleibt, wie es ist. Oder sehr spezifisch, wenn sie sich auf das erwartete Eintreten eines ganz bestimmten Ereignisses beziehen. Auch nehmen Erwartungen oft die Gestalt von Hoffnungen an, etwa die, dass es die eigenen Kinder einmal besser haben werden. Meistens beziehen sich Erwartungen aber auf das Verhalten anderer, von denen wir eben ein ganz bestimmtes, typisches Verhalten erwarten. Ganz häufig richten sich Erwartungen auch auf das Verhalten nichtmenschlicher Akteure – wir erwarten das Funktionieren unserer technischen Artefakte,...

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Soziale Systeme: Davon kann der Redakteur nur träumen

Um eine Sache als Thema in den Massenmedien zu etablieren, muss man sie als neu kennzeichnen, denn sonst würde die öffentliche Befassung mit ihr befremden. Offensichtlich besteht diese Kennzeichnungspflicht auch dann, wenn es sich um leicht erkennbare Altheiten handelt. So werden alle paar Jahre stabile Merkmale der modernen Gesellschaft, zum Beispiel ihr ausgeprägter Individualismus, zum Gegenstand einer vieldiskutierten Zeitdiagnose gemacht, die dann freilich eine völlig andersartige Vergangenheit hinzuerfinden muss, um das Thema als Neuheit lancieren zu können. Dieser Usus erschwert es nicht zuletzt, in den Massenmedien über die Massenmedien zu sprechen, denn auch sie sind ja keineswegs neu. Sprechen kann man allenfalls über die jeweils neuen Medien, und auch dies nur dann, wenn man den Unterschied zu den alten stark übertreibt. In diesem Sinne finden wir uns im Moment...

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Wie der Liberalismus die Demokratie beschränkt

In Wahlkampfzeiten oder wenn Koalitionen festgezurrt werden, erweckt die Politik gerne den Eindruck, mit ihren Entscheidungen den gesellschaftlichen Wandel beeinflussen zu können. Dabei übersieht sie gerne, dass sich viele Entwicklungen ganz ohne politisches Zutun einstellen – und einige sogar gegen den Willen der regierenden Mehrheit. Am Beispiel des politisch eher in Misskredit geratenen „Multikulturalismus“ zeigt der in Bern lehrende Soziologie Christian Joppke, wie die liberalen Verfassungen Deutschlands und der Vereinigten Staaten ohne oder sogar gegen politische Pläne die kulturelle Diversität gefördert haben. Eine wichtige Rolle spielten dabei zwei Gruppen, die sich Freiräume oder sogar Anerkennung für abweichende Werte und Lebensstile erstreiten konnten und dabei nicht unterschiedlicher sein könnten: Homosexuelle und Muslime. In christlich geprägten Ländern stehen...

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Neue Liebe in Gefahr: Psychologen zeigen, wie man fix die Kurve kriegt

Auch taufrische Partnerschaften werden immer wieder auf die Probe gestellt, und dann heißt es: der Versuchung widerstehen. Aktiv gegensteuern. Dass das möglich ist, davon sind Psychologen der University of Florida überzeugt, die nicht weniger als 233 frisch vermählte Paare für bis zu dreieinhalb Jahre begleitet haben und denen angeblich nur wenige amouröse Details der jungen Ehen verborgen geblieben sind. Viele Faktoren spielen für die Qualität der Bindung eine Rolle, schreiben die Wissenschaftler im „Journal of Personality and Social Psychology“, aber der eigentliche Schlüssel zur Treue liegt in der Fähigkeit, potentielle Seitensprungkandidatinnen und -kandidaten blitzschnell links liegen zu lassen, sie umgehend und bewusst in ihrer Attraktivität herabzustufen. ...

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Soziale Systeme: „Erwachsenensozialisation“

Nicht ohne Grund gelten Erwachsene als schwer erziehbar. Schon auf den bloßen Versuch, sie zu belehren, reagieren viele von ihnen ausgesprochen allergisch. Und selbst wenn einer sich bereitfinden sollte, seine Meinungen und vielleicht sogar seine Handlungsbereitschaften zu revidieren, ist damit noch lange nicht gesagt, dass auch die ihm Nahestehenden sich bereitfinden werden, ihn darin zu unterstützen: Der Ehemann, der mit einer völlig neuen Auffassung von Kindererziehung nach Hause kommt, mag dort seine redegewandte Gattin vorfinden, die an der alten Auffassung hängt und sie hartnäckig verteidigt. Das muss aber nicht ausschließen, dass auch Erwachsene einen deutlichen Sinneswandel durchlaufen können – wenn nämlich ihr soziales Umfeld sich ändert. Worum die selbsternannten Erzieher der Älteren sich vergeblich bemühen, das vollbringt ein Wechsel der maßgeblichen Personen und...

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Interview mit Angstforscher Borwin Bandelow

Herr Professor Bandelow, die Deutschen werden lieber Beamte als Unternehmer. Was läuft hier schief? Daniel Mohr Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche. F.A.Z. Den Ängstlichen verdanken wir unseren Reichtum. Wieso das denn? ...

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